Mobile Worlds – Mobile Welten

Ilsemargret Luttmann und Susan Sieg

Eröffnungsrede

Laudatio

MOBILE WORLDS – MOBILE WELTEN am 26.10.2022

Ilsemargret Luttmann und Susan Sieg

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine, liebe Gäste,

willkommen im

 

Bernsteinzimmer der HafenCity!

 

Mein Name ist Roloff, Bernd Roloff, ich bin der Keynote-Speaker der Kunstkantine und darf Euch heute auf das Herzlichste begrüßen, zur 78. Vernissage von Nissis Kunstkantine seit ihrer Eröffnung im März 2013. Zu meiner Rechten, wie immer blond und charismatisch, meine Assistentin Betty. Schild und Schwert der guten Kunst.

Die heutige Vernissage gilt den Werken von

Ilsemargret Luttmann und Susan Sieg

 

Die Ausstellung hat den Titel

 

MOBILE WORLDS – MOBILE WELTEN

 

Neben dem Kunstgenuss hat eine Kunstausstellung und vor Allem die Vernissage den Grund, Kaufentschlüsse herbeizuführen. In unserem Künstlerfragebogen stellen wir als Erstes den Künstlern immer die Frage, ob sie sich schweren Herzens oder leicht von ihren Werken trennen, wenn diese verkauft werden.

 

In den vergangenen 77 Ausstellungen gab es da ganz unterschiedliche Aussagen, z.B.:

 

„Wenn ein Gemälde die Werkstatt verlässt,

ist die Welt nicht mehr in Ordnung“.

 

Andere Künstler machen Einschränkungen hinsichtlich charakterlicher Stabilität des Käufers oder knüpfen Anforderungen hinsichtlich des Ortes, an dem das Gemälde aufgehängt werden soll. Das Gemälde müsse seine volle Strahlkraft entwickeln, sonst hätten die Mühen kein Sinn gehabt.

 

Ich darf Ihnen heute die frohe Kunde mitbringen, dass sich beide Künstlerinnen eher leichten Herzens von ihren Werken trennen. Greifen Sie also zu, wenn Ihnen danach ist. Das Leben ist keine Generalprobe. Die Dinge wollen erledigt doch sein.

 

Leichte Panik beschlich mich, als ich bei Ilsemargret Luttmann las: „Meine Arbeiten haben eine politische Aussage“. Allerdings schrieb sie nicht dazu, welche Aussage das denn wäre.

 

Nehmen wir einmal ihr Werk „Le denier refuge“, zu Deutsch: „Die letzte Zuflucht“:

 

Wo bitte soll denn hier eine politische Aussage sein? Wir sehen Naomi Campbell mit einer ihrer früheren Frisuren:

 

Naomi Campbell wurde von Ilsemargret in ein tailliertes A-Linien-Kleid gesteckt. Die couture-affinen unter Euch werden die Kragenform als fallenden Revers definieren. Die architektur-affinen unter Euch interessieren sich mehr für das Gebäude. Die Anwesenheit von Sichtbeton verortet es in Richtung Brutalismus.

 

Hier als Pendant das Technoimport-Gebäude in Bukarest. Ein Paradestück des osteuropäischen Brutalismus.

 

Naomi Campbells Wohnturm ist mit etwas Botanik aufgehübscht, um ihre letzte Zuflucht etwas kommoder zu gestalten. Ilsemargrets Werktitel haben nach ihrer Aussage eine Bedeutung, die aber nicht unbedingt oder eher selten eine Beschreibung des Bildinhalts darstellt.

 

Von den Malern der Gruppe Zebra, die wir mehrfach ausgestellt haben, habe ich gelernt, dass ein gutes Bild immer eine ambivalente Aussage haben sollte. Wird in dem Bild Naomi Campbell dafür bedauert, dass ihre letzte Zuflucht vor Skandalen und Paparazzis ein Betonbunker ist? Oder können wir froh sein, dass sie in dem Ding weggesperrt ist?

 

Wegen ihrer Unbeherrschtheit wird Naomi Campbell in der Modeszene Black Panther genannt. Sie hat diverse Personen in ihrer Umgebung verprügelt oder auf einer Yacht das Mobiliar zertrümmert, weil die Pasta zu weich gekocht war. Die Kombination aus Sach- und Personenschäden entstand, als sie ihrem Hausmädchen das Handy an den Kopf warf.

 

Jedenfalls ist Naomi Campbell eine ambivalente Persönlichkeit. Wieso habe ich eigentlich in dem Gemälde sofort Naomi Campbell wiedererkannt? Offenbar kann man dem Gemälde mit einem gewissen Vorverständnis begegnen.

 

Zur Auffassung der Werke von Ilsemargret in dieser Ausstellung heißt es wie folgt:

 

„Im Fokus stehen die Inszenierungen junger AfrikanerInnen des Kontinents oder der Diaspora, die sich, dank der digitalen Medien, global zur Schau stellen und dabei mit den Erwartungen, Vorurteilen, Ängsten des white gaze spielen, sie sogar provozieren oder aber auch gänzlich neue, eigene Ästhetiken entwickeln bzw. damit experimentieren.“

 

„white gaze“, gaze geschrieben mit g/a/z/e, der weiße Blick, was soll denn das nun wieder sein? Es ist der weiße Betrachter. Man kann sagen, es ist ein bestimmtes Vorverständnis. Natürlich weißt jeder von uns den Vorwurf eines, wenn auch subtilen, Rassismus von sich. Allerdings muss ich sagen, dass ich sehr erstaunt war, als ich neulich eine Serie im Fernsehen sah. Der Sender war selbstverständlich Arte. Wir Kunstbeflissenen sehe ja nur Arte und Phönix.

Die Serie auf Arte heißt „Tod auf hoher See“ und spielt auf einem britischen Atom-U-Boot.

 

Wie hat der Kapitän eines U-Bootes auszusehen? Da haben wir ein Vorverständnis. Hier z.B. Sean Connery. Wie hieß der Film, meine Damen und Herren?

 

Ja, es ist „Jagd auf roter Oktober“.

 

Dann haben wir hier noch die deutsche Version aus „Das Boot“:

 

Eher der Kumpeltyp. Wie heißt der Schauspieler? Ja klar, es ist Jürgen Prochnow.

 

Und dann haben wir noch eine Version für die AfD-Wähler:

 

Wer ist das, meine Damen und Herren? Richtig, es ist Großadmiral Dönitz. Von Hitler zu seinem Nachfolger bestimmt und später als Kriegsverbrecher zu 10 Jahren Haft verurteilt.

 

Ja, meine Damen und Herren, so sieht ein U-Boot-Kommandant eben aus. Und wie wurde nun in „Tod auf hoher See“ der U-Boot-Kommandant besetzt?

 

Das kann doch wohl nicht wahr sein! So irritiert reagiert man, wenn man keine Distanz zum „white gaze“, der weißen Betrachtung, hat.

 

Der Darsteller heißt übrigens Patterson Joseph, zweifellos ein smart looking guy.

 

Verstört kann nicht nur der alte weiße Mann sein, sondern auch die Kinder aus den Elbvororten mit geringem Migrationsanteil. Arielle die Meerjungfrau ist vor Kurzem eine mermaid of color geworden.

 

Als Auseinandersetzung mit dem „white gaze“ bekommen die Werke von Ilsemargret Luttmann irgendwie doch einen politischen Schwung, nicht wahr?

 

Nehmen wir doch einmal das Werk von Ilsemargret  „Confinement et mobilité“, zu Deutsch „Gefangenschaft und Mobilität“ und bleiben im „white gaze“. Was haben wir denn da?

 

Das folkloristisch angetane Motiv, im Hintergrund die Rollschuhe. Gleich fährt sie im wallenden Kaftan mit den Rollschuhen davon. Oder ist das etwa ironisch gemeint als Anspielung auf den „white gaze“? Entscheiden Sie! Jedenfalls lassen sich Rollschuhe wunderbar mit dem Titel dieser Ausstellung vereinbaren, der lautet nämlich zur Erinnerung

 

„Mobile Worlds – Mobile Welten“

 

Weiterhin lassen sich Rollschuhe wunderbar mit deren Anblick im Traum deuten. Überwiegend wird der Anblick von Rollschuhen im Traum als eine Aufforderung verstanden, seine Anstrengungen zu erhöhen und keine Zeit zu verschwenden. Dem Schlafenden soll bewusst werden, dass er in einer bestimmten Angelegenheit schnell handeln sollte.

 

In diesem Kontext darf ich daran erinnern, dass in weniger als 2 Monaten Weihnachten ist und dass Sie mit dem Verschenken von Kunst als Mensch von Geist und Lebensart gelten. Warmhalteplatten und Kulturtaschen haben ihre Dienste geleistet.

Nun darf sich auch mal ein Kulturträger unter dem Weihnachtsbaum befinden. Kritische Nachfragen richten Sie bitte an den Bundesverband der Weihnachtsbaum- und Schnittgrünerzeuger mit Sitz in Wiebelsheim im Hunsrück. Population von Wiebelsheim: 596. Das Kaff Wiebelsheim wurde heute garantiert zum ersten Mal in einer Laudatio erwähnt.

 

Der 1. Vorsitzende des Bundesverbands der Weihnachtsbaum- und Schnittgrünerzeuger ist Eberhard Hennecke:

 

 

Sieht zwar aus wie der „white gaze“ in Person, wirkt aber aufgeschlossen.

 

Aufgeschlossen für die Abstraktion sollte man bei den Werken von Susan Sieg sein. Susan wurde von der Kunstkantine schon im Januar 2017 in einer Einzelausstellung gewürdigt. Susan wird vielfach international ausgestellt. Nun ist sie mit ihren durchweg abstrakten Werken zu meiner großen Freude wieder zu Gast bei uns. Ein Diptychon von ihr hängt übrigens im Wohnzimmer von Nissis Estate, der Great Hall of Nissis Mansion.

 

Ein Diptychon hat immer etwas Besonderes. Was ein Triptychon ist, weiß wohl fast jeder. Aber ein Diptychon ist begrifflich eher unbekannt, hat aber sicher nichts mit Infektionskrankheiten zu tun.

 

Diptychen oder Diptycha sind zwei Gemälde, die nebeneinander gehängt werden sollen, weil sie in Beziehung stehen.

 

Ich erlaube mir jetzt mal, das Diptychon von Susan herauszustellen, das ich absolut hinreißend finde. In einer Anleitung zur Wahrnehmung abstrakter Kunst heißt es wie folgt:

Ignorieren Sie den Titel! In den meisten Fällen haben abstrakte Bilder einen äußerst vagen Titel oder nur eine Nummer. Lassen Sie sich davon nicht beirren. Die meisten abstrakten Künstler verwenden ganz bewusst keine aussagekräftigen oder gar werbenden Bezeichnungen. Nur in manchen Fällen können sie auch hilfreich sein, um Ihre Vorstellungskraft in eine gewisse Richtung zu lenken.“

Diese beiden Gemälde gehören schon von ihrer Anmutung einfach zusammen.

   

Sie haben das gleiche Format, eine radiante Übereinstimmung in den Farben und tragen Affirmationen mit Ölstift. Einfach ein imposantes Seherlebnis auf 2 Ebenen.

 

Hier ein Zitat von Susan:

 

Meine Bilder sollen einladen, über die Situationen, in denen Menschen aufeinander treffen, nachzudenken. Nähe und Distanz, Kommunikation, Freundschaft oder Trennung.“

 

Es ist meine Meinung, dass abstrakte Kunst Zeit braucht, um sie wahrzunehmen. Mehr Zeit als die durchschnittliche Betrachtungszeit von Kunstwerken in Museen. Die beträgt nämlich nur 11 Sekunden, wie eine Studie der Universität St. Gallen festgestellt hat. In 11 Sekunden können Sie einem abstrakten Werk nicht in die Seele schauen.

 

Dieses Diptychon wird von Susan gar nicht als Diptychon angeboten. Die Titel lauten „Nah bei dir 1 und 2“. Da schlägt doch bei mir der Romantiker durch. Stellen Sie sich doch mal vor, sie kaufen beide Werke. Eins behalten Sie und Eins verschenken Sie als Manifest innerer Verbundenheit.

 

Egal, wo der Andere ist – Sie sind immer nah bei ihm oder bei ihr. Kann man auch durchaus auf Vorrat kaufen. Die nächste Anbahnungszeit für einen Partner oder eine Partnerin kommt bestimmt. Nach dem Winter kommt das Frühjahr, liebe Gäste.

 

Überlegen Sie: Seien Sie glücklich darüber, jetzt nicht ihren Partner fragen zu müssen, ob sie sich ein Kunstwerk zulegen können. Wenn Sie bei Gelegenheit und selbstverständlich bei entsprechender Eignung ihres Gegenübers „Nah bei dir 1 oder 2“ verschenken bzw. „Nah bei dir 1 oder 2“ behalten, mannomann, da erübrigt sich die Frage „Gehen wir zu dir oder zu mir?“.

 

Das ist Schlagerparade, meine Damen und Herren. Großartig! Natürlich eignen sich die „Nah bei dir“s auch als Sehnsuchtströster in der Fernbeziehung.

 

Bei abstrakter Kunst, meine Damen und Herren, ist es wichtig, sich auf das Gemälde einzulassen. Manche Werke sprechen einfach nicht zu einem selbst. Die Geschichte der Abstraktion beginnt mit einem Drama. Kunsthistorisch gilt heute Hilma af Klint als erste abstrakte Künstlerin. Sie zeigte ihre Werke Rudolf Steiner, dem Boss der anthroposophischen Gesellschaft. Der hielt nichts von ihrer Malerei. Als Reaktion darauf verschwanden ihre Werke im Keller und Hilma malte 4 Jahre gar nichts mehr. Testamentarisch verfügte Hilma, dass ihre Werke erst 20 Jahre nach ihrem Tod gezeigt werden dürften. Ein einmaliges, umfangreiches Werk geriet in völlige Vergessenheit und Kandinsky konnte behaupten, dass er das erste abstrakte Werk geschaffen habe.

Das passiert, wenn sich Jemand als unzugänglich für die Abstraktion erweist. Wenn das bei Ihnen der Fall ist, dann legen Sie sich am Besten ein paar passende Phrasen für die Vernissage zu, z.B.:

 

„Die Gute hat etwas Animalisches, das aber unglaublich human abgefedert ist.“ Oder: „Diesen elegischen Pinselstrich, gepaart mit dieser Wucht der Imagination, macht ihr niemand nach.“ Oder auch: „Kühne Mischung aus Schwere und Leichtigkeit – einfach genial.“

 

Ich selbst kann sagen, dass mich das Gemälde von Susan mit dem Titel „Gedanken am Morgen“ fasziniert.

 

Erstmal ist für mich klar, dass das Gemälde meine Gedanken zum Gegenstand hat. Die Gedanken sind noch nicht klar strukturiert, aber es bilden sich Konturen, die aus dem monochromen Hellblau langsam hervortreten. Es scheint sich um größere oder kleinere Fragestellungen zu handeln. Wie sieht die To-do-Liste im Endeffekt aus? Wer mich kennt weiß, dass ich alles andere als ein Morgenmensch bin. Vor 11:00 Uhr morgens bin ich praktisch unfähig, Entscheidungen zu treffen. Mit der fehlenden Gedankenstruktur erklärt sich das Werk solidarisch. Es geht dem Werk genauso.

 

In der Firma nennt man mich Prinzessin Margret:

 

 

deren Morgenroutine 2017 in der Vogue wie folgt beschrieben wurde:

 

„9:00 Uhr Frühstück im Bett. Die folgenden zwei Stunden verweilt Margret dort, hört Radio und liest Zeitung (welche sie später auf dem Boden verstreut hinterlässt) und raucht Kette.

11:00 Uhr Die Maid lässt ein Bad für sie einlaufen.

Später Vormittag: Die Prinzessin nimmt ein Bad (keine Dusche, denn diese ist Leuten vorbehalten, die schnell aus der Haustür zur Arbeit stürmen), gefolgt von Haar- und Make-up-Styling an ihrem Schminktisch. Saubere Kleidung wird gereicht, denn die Prinzessin trägt kein Kleid zwei Mal ohne es vorher reinigen zu lassen.

12:30 Uhr Sie lässt sich „downstairs“ im Hause für ein Vodka „pick me up“ blicken.

13:00 Uhr Sie begleitet die Queen Mom zu einem vierstündigen Lunch, „serviert in informeller Variante auf silbernen Tellern“, dazu eine halbe Flasche Wein für jeden Anwesenden, plus „Obst und ein Dutzend unterschiedlicher Käsevariationen von heimischen und kontinentalen Herstellern.

Ja, meine Damen und Herren, es ist nun 20:00 Uhr. Mit dem Vortrag der Laudatio sind nun meine Pflichten des Tages erledigt und Betty und ich können zum entspannten Teil des Abends übergehen. Wir bedanken uns fürs Zuhören – bis zum nächsten Mal in diesem Theater!

 

Bernd Roloff

 

Aus Datenschutzgründen werden einige Fotos nicht gezeigt. Die Setzerin