„The Power of Colour“

Swetlana Zirk, Saskia Brillau

Eröffnungsrede

Laudatio

“THE POWER OF COLOUR“

Swetlana Zirk und Saskia Brillau

am 05.10.2023

 

Liebe Freundinnen und Freunde der Kunstkantine, liebe Gäste,

willkommen im

 

Bernsteinzimmer der HafenCity!

 

Mein Name ist Lüdecke, Thomas Lüdecke, ich vertrete den Keynote-Speaker der Kunstkantine Bernd Roloff und darf Euch heute auf das Herzlichste begrüßen, zur 86. Vernissage in Nissis Kunstkantine seit ihrer Eröffnung im März 2013.

 

Zu meiner Rechten das Gridgirl der guten Kunst, Schild und Schwert des guten Geschmacks, die Galeriefachangestellte Betty.

 

Ja, meine Damen und Herren, die heutige Vernissage hat den Titel

 

„THE POWER OF COLOUR!

 

Gezeigt werden Skulpturen von Swetlana Zirk und Gemälde von Saskia Brillau und irgendwie habe ich das Gefühl der Synchronität beider Künstlerinnen. Ist es die Farbigkeit, der mutige Strich oder der gemeinsame Faible für ein berühmtes Kunstwerk, auf das ich noch zu sprechen komme.

 

Zunächst aber kommen wir zu einer Skulptur von Swetlana Zirk im Einsatz, gewissermaßen in Action:

 

Nehmen wir uns einen typischen Freitagmorgen im November. Vor dem Aufstehen, der Chardonnay vom Vorabend klopft leicht an. Außerdem hat man schon die ganze Woche geschuftet. Das Wetter ist bescheiden, Nieselregen bei 7° Grad.

 

Die Gedanken kreisen um unbezahlte Rechnungen. Wenn Sie einen Hund haben, will der jetzt mit Ihnen Gassigehen. Wenn Sie keinen Hund haben, ist es auch nicht besser.

 

Man kuckt auf das Handy, wegen der Uhrzeit. Es wird kalkuliert, was die spätest mögliche Aufstehzeit sein könnte. Wieso muss ich überhaupt aufstehen? Ich habe schließlich studiert.

 

Wenn die Fernbedienung auffindbar wäre, könnte man Frühstücksfernsehen kucken. Aber die ist womöglich in die unendlich lange Ritze vom Sofa entschwunden.

 

In dieser Twilightzone des hanseatischen Morgens, dem Höhepunkt des Graus, um nicht zu sagen, des Grauens, bedarf es unbedingt der Aufheiterung. Knipsen Sie das Licht an von „Tara“:

Wenn der Morgen durch „Tara“ beschienen wird, ist er nicht nur erträglich, sondern er hat den zarten Schmelz von Weiblichkeit, Kunst und Individualität. Wir stehen nicht mehr auf, um zur Arbeit zu gehen. Wir führen das Leben der Bohème, das eine flüchtige Kenntnis fernöstlicher Religionen voraussetzt.

 

Tara heißt aus fernöstlicher Sichtweise zunächst mal Stern, Tara heißt auch Fixstern, Tara heißt auch Retterin. Tara ist also jemand, die fest ist, die firm ist und die rettet. Tara ist auch der Name einer Göttin. Im Buddhismus spielt Tara eine besondere Rolle, insbesondere im tibetischen Buddhismus. Da gibt es sogar verschiedene Taras, besonders bekannt, die Grüne Tara, aber oft spricht man auch von der Gelben und der Roten Tara. Dies mal als Anregung für dich, liebe Swetlana. Es kann mehr als eine Tara geben.

 

Von der Roten Tara haben wir erstmal hier ein sexy Bild gefunden:

 

Swetlana hat uns geschrieben:

 

„Meine Kunst ist der Weiblichkeit gewidmet. Ich stelle die Frau und den Ausdruck der Weiblichkeit in den Mittelpunkt meines Schaffens. Meine Lampen sollen jedem Platz eine besondere Note geben.“

 

So, meine Damen und Herren, was haben denn die meisten Lampen von Swetlana gemeinsam? Einen Körper, aber keinen ganzen Körper, sondern einen fragmentierten. Wir haben einen Torso vor uns.

 

Mit dem Begriff Torso bezeichnet man im Allgemeinen etwas Unvollständiges.

In der Medizin bzw. der Anatomie bezieht sich der Begriff Torso auf den Rumpf des menschlichen Körpers, der den Brustkorb, den Bauch und das Becken umfasst.

In der Kunst ist ein Torso eine unvollständige Skulptur oder ein Gemälde, das nur noch aus einem Teil besteht, oft ohne Kopf oder Gliedmaßen.

Manchmal wirkt die Kunst des Unvollkommenen auf uns befremdlich, wie hier bei Joseph Beuys:

 

Beuys schafft hier die stimmungsvolle Wiedergabe einer Probandin, die nach dem Waxing eines Beines vor Schmerzen aus dem Studio geflüchtet ist. Das sieht lustig aus.

 

Weltbekannt sind die Torsi von Rodin. Hier der Torso der Adele:

 

Sicherlich die zweitberühmteste Skulptur von Rodin nach dem „Denker“. Da die Urheberrechte längst abgelaufen sind, gibt es eine Unmenge an Replikaten, die Anpreisung erfolgt etwa so:

 

„Anmutig in der Pose, lebendig im Spiel von Licht und Schatten demonstriert der »Torso der Adele« die Genialität von Rodins künstlerischem Werk.“

 

Oder so:

 

„Kühnheit des Lichts – Bescheidenheit des Schattens“ – diesen Dialog der Erhöhungen und Senkungen komponierte Rodin in die „Haut“ seiner Plastiken. Mit seiner modernen Formensprache, die die denkmalhafte Pose des akademischen Stils verließ und seelische Verfassungen in bewegten Oberflächen lebendig werden ließ, war Rodin seiner Zeit weit voraus.“

 

Swetlanas Skulpturen sind Interieur-Objekte, die das Zuhause von Kunstliebhabern noch etwas schöner machen sollen. Als eines ihrer Lieblingskunstwerke nennt Swetlana den „Kuss“ von Gustav Klimt:

 

Ein Paradestück aus Klimts goldener Phase 1901 bis 1909. Tara imponiert mit ihrem goldenen Bauchnabel, umrahmt von einem Herz.

 

  • Hier Ausschnitt

 

Und dann haben wir ein männliches und ein weibliches Pop Art-Auge:

 

  • Hier Ausschnitt

 

Es will mir doch keiner erzählen, dass Tara keine künstlerische Gemütlichkeit erzeugt. An einem verregneten Novembermorgen kann sie Gesprächspartner sein. Ihr Hauptgesprächsbeitrag ist Schweigen. Sie hebt sich damit positiv von grauenhaften Protagonistinnen wie beispielsweise Alice Weidel, Nancy Faeser, Luisa Neubauer ab.

Meine Damen und Herren, in knapp 3 Monaten ist Weihnachten. Tara is waiting for you!

 

Wir haben bislang über Swetlanas Bedsidetable-Lampen gesprochen. Nun sprechen wir einmal über Saskias „Blue Roses“:

 

Saskia schreibt mir hierzu Folgendes:

 

„Ich habe jede Minute genossen, das Bild zu malen.“

 

Der Künstler erbaut sich am Flow des Kunstschaffens selbst. So ist es meistens. Wir hatten nur ganz wenige Künstler, die sich ausschließlich am fertigen Werk besonders erfreuten. Ansonsten galt:

 

„There is no road to happiness

because happiness is the road.”

 

Der Weg ist das Ziel, meine Damen und Herren. Zum künstlerischen Ziel schreibt mir Saskia Folgendes:

 

„Jeden Tag Kunst erschaffen, viele Kontakte knüpfen und in renommierten Galerien und Kunstmessen ausstellen und so viele Menschen wie möglich mit meiner Kunst erreichen.“

 

Das glauben wir ihr, weil sie an anderer Stelle Skurriles von sich gibt. Also eine Story, die man nicht erfinden kann. Über die Besonderheit in der Werkherstellung befragt, verrät Saskia ein Geheimnis:

 

„Ich rieche an der Leinwand, weil ich den Holzgeruch sehr mag und muss dabei entweder völlige Stille haben oder klassische Musik hören.“

 

Dürfen wir denn nun „Blue Roses“ kaufen? Ich kann mit Freude verkünden, dass sich sowohl Swetlana als auch Saskia leicht von ihren Werken trennen. Sie sind keine Nerds, die behaupten, die Weltordnung würde zerrissen, zumindest die Abstrahlung ihrer Werke würde verschwinden, wenn sie sie verkaufen.

 

Ein weiteres Merkmal ist die Liebe zu Farbe Gold. Ich weiß nicht, ob das auf Absprache beruht, aber beide Künstlerinnen geben das Werk „Der Kuss“ von Gustav Klimt als ein Lieblingskunstwerk aus. Gleichzeitig findet „Der Kuss“ keinen Anklang in den gezeigten Werken.

 

Auf die Frage wo sie ihr künstlerisches Werk verortet schrieb mir Saskia: Ich bin noch lange nicht am Ziel mich mit meinem Stil festzulegen, da ich liebe, Neues auszuprobieren. Hier erleben mich die Menschen noch in einem Prozess des Findens, aber grundsätzlich sind meine Bilder abstrakt, figurativ und mit realistischen Landschaften versehen. In diesem Kontext bemerkenswert ist das Werk Fuji Sakura.

 

 

Was haben wir denn hier? Ein Fuji, rechts eine Blütendekoration, mutmaßlich Kirschblüten und plötzlich stürmt in dieses Bild, in gleicher Farbgebung, aber grob verschwurbelt, Abstraktes. Das ist ziemlich mutig. Rechts in der Fläche kleinteilige Botanik und einen klassisch hingemalten Fuji und dann geht die Künstlerin mit mutigem Strich abstrakt vor.

 

Das Motiv Fuji mit Kirschblüte findet sich tausendfach. Ein Postkartenmotiv, friedlich in der Anmutung, das kann man auch an die Erbtante schicken.

 

Durch die abstrakte Intervention bekommt das Ganze eine geänderte Anmutung. Ist das nun eine Rebellion oder wie verändert sich die Abstrahlung des Bildes. Wir sehen, es gibt was zu diskutieren. Das ist das Beste, was einem Bild passieren kann. Damit ist auch klar, dass das Bild nicht zu Tara ins Schlafzimmer gehängt werden kann. Es ist auch dafür, jedenfalls nach meinem Geschmack, zu irritierend.

Für dieses Werk müssen wir eine neue Lampenskulptur finden, die in ihrer Anmutung unserem Fuji entspricht. Da haben wir doch die ambitionierte Jaqueline:

 

Von der Farbigkeit finden wir hier eine Entsprechung. Sie hat auch sowas Herausforderndes, man könnte meinen, sie hat die abstrakten Elemente unserem Fuji Bild hinzugefügt. Sie ist die Urheberin der Störung. Wenn man Jaqueline zum Leuchten bringt, hat sie auch einen goldenen Heiligschein. Sie wird es nie zugeben, dass sie die Verschwurbelung unserem Fuji angetan hat.

Meine Damen und Herren, danke für die Reise. Wieder eine Gelegenheit für wolkige Assoziationen. Die wünsche ich Ihnen auch. Und bedenken Sie immer, dass eine Vernissage eine Verkaufsveranstaltung ist. Es ist für den Künstler höchst angenehm, wenn ihm der Aufwand bei der Werkschaffung vergütet wird. Ein Lob für ihn, wenn seine Produkte einen Käufer finden. Also, das Jahr ist bald rum. Für den, der abschätzen kann, dass es gut war, kommt jetzt die Zeit, sich zu belohnen. Such dir was aus.

Vielen Dank fürs Zuhören. Bis demnächst in diesem Theater.

 

Text: Bernd Roloff

Vortrag: Thomas Lüdecke

 

 

Aus Datenschutzgründen werden einige der gezeigten Bilder nicht veröffentlicht. Die Setzerin